Strategie · Guide · 7 MIN. LESEZEIT
Standardsoftware oder Eigenentwicklung? Eine ehrliche Entscheidungshilfe
Kaufen oder bauen? Die Frage entscheidet über Jahre an Kosten und Abhängigkeiten. Ein Entscheidungsrahmen aus der Projektpraxis — ohne Verkäuferbrille.
strukturunion Team · 12. Mai 2026

„Dafür gibt es doch bestimmt was Fertiges" — stimmt fast immer. Die bessere Frage ist: Passt das Fertige zu eurem Ablauf, oder verbiegt ihr euren Ablauf, bis er zur Software passt? Wir beraten in beide Richtungen und bauen selbst Software; hier ist der Entscheidungsrahmen, den wir dabei tatsächlich verwenden.
Wann Standardsoftware gewinnt
- Der Prozess ist bei euch wie überall. Buchhaltung, Lohnabrechnung, E-Mail, Kalender: Hier ist euer Ablauf kein Wettbewerbsvorteil — nehmt den Standard und passt euch an.
- Der Anbieter lebt von diesem Produkt. Ein etabliertes Produkt mit großer Nutzerbasis bekommt Sicherheitsupdates, Weiterentwicklung und Integrationen, die keine Eigenentwicklung je einholt.
- Ihr braucht es nächsten Monat. Standardsoftware ist sofort da. Wenn der Bedarf dringend und der Prozess verhandelbar ist, gewinnt die Geschwindigkeit.
Wann sich Eigenentwicklung rechnet
- Der Prozess ist euer Unterscheidungsmerkmal. Dort, wo ihr schneller, genauer oder flexibler seid als der Wettbewerb, zementiert Standardsoftware den Durchschnitt.
- Die fehlenden 20 Prozent kosten täglich. Wenn um die Standardlösung herum Excel-Listen, Doppeleingaben und Sonderwege wachsen, zahlt ihr die Lücke jeden Tag — nur versteckt.
- Ihr zahlt für hundert Funktionen und nutzt fünf. Eine schlanke Anwendung, die genau euren Ablauf abbildet, ist oft einfacher zu bedienen, schneller eingeführt und auf Dauer günstiger als die Enterprise-Lizenz.
Die Mischform ist der Normalfall
Die meisten guten Lösungen, die wir sehen, sind weder-noch: Standardsoftware für die Standardaufgaben, eine schlanke Eigenentwicklung für den einen Prozess, der euch besonders macht — und saubere Schnittstellen dazwischen. Die Warenwirtschaft bleibt, die Auftragserfassung wird maßgeschneidert, beide sprechen miteinander. So bekommt ihr Reife, wo Reife zählt, und Passung, wo Passung zählt.
Vier Fragen für eure Entscheidung
- Ist dieser Prozess ein Wettbewerbsvorteil oder eine Pflichtaufgabe?
- Was kostet die Lücke zwischen Standard und Realität — pro Woche, in Stunden und Fehlern?
- Wer betreibt die Lösung in fünf Jahren, und was kostet das jährlich (Lizenzen wie Eigenbetrieb)?
- Kommt ihr an eure Daten, wenn ihr den Anbieter oder den Dienstleister wechseln wollt?
Fazit
Kaufen, wo euer Ablauf Standard ist. Bauen, wo euer Ablauf euer Vorteil ist. Und in beiden Fällen: Schnittstellen und Datenhoheit vor Funktionsvergleichen. Wenn ihr vor genau dieser Entscheidung steht, geben wir euch eine ehrliche Einschätzung — auch wenn sie „kauft den Standard" lautet.